31 Testigos/Isla Margarita/Coche/Cubagua / Chacachacare

04.08. - 03.09.07

 

Es herrscht ein schwacher Nordostwind als wir um 18 Uhr unsere Nachtfahrt zu den Los Testigos starten. Auch wenn der Abschied nach mehr als einem Monat schwer fällt, das unbekannte Ziel vor Augen und die bevorstehende Nachtfahrt erzeugen das nun schon bekannte und lieb gewonnene Kribbeln im Bauch. Bevor wir Westkurs setzen, entfernen wir uns unter Motor einige Seemeilen von der Küste Venezuelas. Unter den Yachties wird das Thema Überfälle und Kriminalität in Venezuela auf das heftigste diskutiert. Die linksorientierte Politik von Hugo Chávez, Staatspräsident von Venezuela, sorgt für Spannungen mit den Amerikanern und entsprechend unvorteilhaft gestaltet sich die amerikanische Berichterstattung über Venezuela. In 2006 gab es ziemlich viele Gerüchte über Yachtüberfälle und Segler machten sich nur im Konvoi, ohne Navigationsbeleuchtung und weit von der Küste entfernt auf den Weg. Wir wollen uns an dieser Panikmache nicht beteiligen, aber schaden kann es ja nichts, wenn wir nicht gerade an der Küste entlang schleichen. Außerdem ist weiter draußen Wind und Strömung viel besser.

Nach ungefähr 4 Seemeilen können wir für eine Stunde Segel setzen und die GENESIS gleitet gurgelnd durch die Nacht. Morgens um 9:20 Uhr ankern wir vor der Isla Iguanas, wo sich der Militärstützpunkt zum Einklarieren befindet. Die Fahrt war ruhig und wurde nur von einem Ausweichmanöver wegen eines arbeitenden Fischtrawlers und dem Heranziehen eines Squalls kurzfristig aufgelockert.

Selten wurden wir beim Einklarieren so höflich empfangen. Während wir auf den Kommandante warten, wird uns Kaffee oder Wasser angeboten. Ein kleiner Junge fordert uns auf mit ihm Mensch ärgere dich nicht zu spielen und unzählige kleine Fliegen umschwirren uns freundlich und penetrant. In einem großen alten Buch werden unsere Daten handschriftlich festgehalten und der Kommandante erklärt uns, dass wir 3 Tage bleiben dürfen und dann auf der Isla Margarita richtig einklarieren müssen.

Wir verlegen vor die Isla Testigos Grande, die eine Traumhafte Kulisse bietet. Es liegen bereist 4 Yachten in der Bucht aber wir finden ein nettes Plätzchen und gehen erst mal ins Wasser, nachdem die GENESIS sicher vor Anker liegt. Es folgen 4 Tage Schnorcheln, Schwimmen, Strand erkunden, Muscheln sammeln, Lesen und Fischen und absolute Ruhe und Einsamkeit. Für einen Tag gehören uns die Testigos ganz alleine. Das perfekte Glück, wenn das Fischen etwas erfolgreicher gewesen wäre. Wolfgang versucht mit kleinen lebenden Köderfischen größere Exemplare zu erwischen. Drei mal hintereinander frisst ein dicker Igelfisch, der nicht zum verzehr geeignet ist den Köder weg und zu guter Letzt hängt noch eine ziemlich große Muräne an der Angel. Die kann man zwar essen, aber wir haben keine Ahnung wie man sie zubereitet. Also gibt's Pasta und Gemüse und Obst.

Isla Margarita 08.08. - 27.08.07

Erst am 08.07.07 können wir uns losreißen. Ein toller Segeltag liegt vor uns. Wir legen die 55 Seemeilen unter Vollzeug in knapp 8 Stunden zurück. Kein Geschwindigkeitsrekord, aber Segeln vom Feinsten. In der Bucht vor Porlamar erwartet uns das Kontrastprogramm zu den Testigos. Bis zu 200 Yachten liegen hier, an Land Hochhäuser und Hotelburgen, in der Stadt riesige Einkaufszentren und mehrspurige Schnellstraßen. Zunächst müssen wir uns Bargeld in der Landeswährung, Venezuelanische Bolivar (VEB) besorgen. Ein Euro sind 0,0003220 VEB. Renate und Helmut von der Nuku'alofa, die wir in Trinidad kennen gelernt haben liegen hier in der Bucht und wir erhalten eine Kurzeinführung über Transportmittel, Geldtauschen und Einklarieren. Außerdem strecken sie uns ein paar Bolivar vor, damit wir mit dem Taxi in die Stadt können um Geld zu tauschen. Da macht man in Venezuela nicht offiziell zum oben genannten Kurs, sondern auf dem Schwarzmarkt zu eienm Kurs von 0,0002083. Wir machen uns also auf in die Stadt und tauschen unsere $US in einem Schmuckgeschäft. Irgendwie komme ich mir schon komisch vor, bei diesen illegalen Geschäften und ich hoffe dass wir dem Ladenbesitzer nicht gerade dabei behilflich sind Drogengelder zu waschen.

bei Juan von Marina Juan klären wir die Einklarierungsformalitäten und lassen uns von ihm erzählen, was er sonst noch an Serviceleistungen zu bieten hat. Er kümmert sich um Müllentsorgung, Gasflaschentausch, Frischwasser und hat einen bewachten Dinghysteg. Einmal in der Woche stellt er den Yachties kostenlos einen Bus zu einem großen Einkaufszentrum zur Verfügung und transportiert, auch kostenlos, die Großeinkäufe professionell verpackt an den Dinghysteg vor seiner Marina. Ein Superservice, den wir in Anspruch nehmen werden, bevor wir uns nach unserem Deutschlandaufenthalt wieder Richtung Norden auf den Weg machen.

Hier in Porlamar liegen einige Deutsche Yachten und wir treffen sogar Ray und Steffen mit der Moonyflower. Ein Paar, das wir aus Freiburg kennen und die ihr Abenteuer 2005 im August mit Kind, Hund und Katamaran gestartet haben. Auch Roger und Andy von der Segelyacht Oma & Opa, die wir aus Trinidad kennen machen hier Station. Sie wollen sich in Venezuela genauer umschauen, da sie mit dem Gedanken spielen hier sesshaft zu werden. In der Rumbar am Strand von Porlamar treffen wir auf eine interessante und skurrile Seglergemeinde. Unter anderem machen wir mit Utz Müller Treu, einer deutschen Seglerlegende Bekanntschaft und lauschen interessiert seinen Erzählungen. Utz ist jetzt weit über siebzig Jahre alt und fährt nach eigenen Angaben seit seinem 13. Lebensjahr zur See. Er hat die Welt mehrfach auch alleine umsegelt und ist ein wandelndes "Seglerlexikon". Wir lernen Peter von dem Motorsegler Pinocchio kennen, der seit mehr als 10 Jahren in der Karibik mit Chartergästen unterwegs ist und auch Venezuela wie seine eigene Westentasche kennt. Einige der Rumbarbesucher sind ehemalige Segler, die sich inzwischen hier auf der Isla Margarita niedergelassen haben. Wir lernen Wim und Annette von der Tethys (Name der griechischen Meeresgöttin) kennen, die uns von ihren Plänen, sich einmal in Thailand nieder zu lassen, erzählen.

ir verbringen 20 Tage hier und sind ziemlich beschäftigt. Unser Handy hat den Geist aufgegeben und wir versuchen verzweifelt ein neues zu kaufen. Handys ohne Vertrag sind in Venezuela nicht zu bekommen. Erst nach unzähligen Versuchen und einer Odyssee durch die ganze Stadt finden wir ein entsprechendes Geschäft und die engagierteste und kompetenteste Verkäuferin, die wir auf unserer Reise bisher angetroffen haben. Beim Kauf der Telefonkarte legt man uns eine Erklärung vor, dass Handygespräche in Venezuela abgehört werden können und Wolfgang muss nicht nur den Personalausweis vorlegen, sondern auch noch seine Fingerabdrücke hinterlegen. Diese Methoden sollen im Kampf gegen den Drogenhandel hilfreich sein.

Wolfgang kümmert sich selbst um unsere Flüge nach Deutschland, nachdem das Reisebüro nicht so richtig in die Gänge kommt. Nachts um 3:00 Uhr setzt er sich via Skype mit Lufthansa in Verbindung und nach mehrmaligen Unterbrechungen sind zwei Hin- und Rückflüge Porlamar / Frankfurt gebucht. Jetzt müssen wir für die Zeit unserer Abwesenheit einen Platz für die GENESIS finden. Alle raten uns ab, sie vor Anker liegen zu lassen und wir entschließen uns sie in der Marina del Caribe in Chacachacare auf Margarita an Land zu stellen. Wir suchen die Marina mit dem Taxi auf und buchen den Platz. Wir besuchen den mercado de conejo (Kaninchenmarkt), den Gemüse- und Fischmarkt und kaufen uns in der großen Einkaufspassage SIGLO eine neue Digitalkamera. Aus unserem großen Sonnensegel, dass wir uns in Martinique gekauft haben, lassen wir uns von Simón unser Bimini neu machen und aus dem Rest ein kleineres Sonnensegel. Jetzt sind wir perfekt vor Sonne und Regen geschützt und das kleinere Sonnensegel ist viel praktischer zu handhaben.

Obwohl wir viel zu erledigen haben ist reichlich Zeit für Besuche bei Wim und Annette oder Roger und Andy. Wir tauchen Navigationssoftware und Bücher und verbringen so manche nette Stunde in der Rumbar. Endlich ist alles erledigt. Unser Abflugtag ist ein Montag. Die Marina del Caribe arbeitet aber am Wochenende nicht, deshalb müssen wir die GENESIS bereits am Freitag aus dem Wasser holen und das uns verbleibende Wochenende bis zum Abflug leider an Land verbringen. Vorher wollen wir uns aber noch ein bisschen erholen. Isla Coche und Isla Cubagua, zwei kleine Inseln westlich der Isla Margarita stehen auf dem Programm.

Isla Coche 28.08 / Isla Cubagua 29.08. - 30.08.07

Schwacher Ostwind und die Genua mit Motorunterstützung bringen uns in 4 Stunden zur Isla Coche. El Saco ist eine kleine einsame Bucht. Mit den 2 Meter Tiefgang der GENESIS bleibt für die Einfahrt nicht viel Spielraum und ich schleiche ganz langsam durchs Wasser, den Tiefenmesser und den Kartenplotter immer im Auge, während Wolfgang am Bug steht und nach Felsen oder Riffköpfen Ausschau hält. Alles geht gut und wir liegen ganz alleine in der wunderschönen Bucht. Die vielen Pelikane und Fischerboote lassen auf einen großen Fischreichtum schließen und den Rest des Tages verbringen wir damit Pelikane, Fregattvögel und Fischer bei ihrer Arbeit zu beobachten und die lange vermisste Ruhe zu genießen. Einziger Störfaktor: Hunderte von Fliegen, die sich plötzlich im Inneren unseres Schiffes tummeln. Wahrscheinlich werden die netten Tierchen von der nahe gelegenen Fischfabrik angelockt. Mit der einsetzenden Dunkelheit sind jedoch alle verschwunden.

Am nächsten Morgen besuchen uns die Fischer und mit ihnen ein großer Schwarm Pelikane. Sie bieten uns Fisch an und wir kaufen ihnen zwei große Barben ab. Nachdem ich 12.000 Bolivar bezahlt habe und die Fischer sich lachend davon machen, wird mir plötzlich klar, dass die Männer nicht doce mil - zwölftausend, sondern dos mil - zweitausend Bolivar von mir verlangt haben. Ich habe also an Stelle von 41 Cent 2,50 Euro für die beiden Fische bezahlt. So ein Pech aber auch. Na ja, die Jungs werden heute Abend sicher einen auf mich trinken.

Wir lassen uns die gute Laune und den Appetit dadurch nicht verderben und segeln weiter zur Isla Cubagua. So macht segeln Spaß. 4 Beafort Ostwind und Westkurs, dazu strahlender Sonnenschein, blauer Himmel und ein Meer, dass in allen Farben schillert. Ich könnte Stundenlang so weitersegeln.

Wir erreichen Cubagua schon sehr bald. Der Anker hält mal wieder nicht auf Anhieb, aber auch diese Situation beherrschen wir inzwischen perfekt. Wolfgang geht den Anker abtauchen und wir müssen ihn noch mal eingraben, da er nur ganz leicht mit der Spitze im Sand steckt. Mit mehr als 2500 Umdrehungen Rückwärtsschub gräbt er sich dann aber fest ein.

Zunächst müssen wir uns mit einer Vergiftungsaktion der vielen Fliegen endledigen, die sich bei Tagesanbruch wieder in der Pantry versammelt haben. Also alle Luken dicht und Gift sprühen. Nach 10 Minuten kann ich die Leichen einsammeln. Wir teilen uns die Bucht mit einem einzigen kanadischen Schiff und erkunden am nächsten Tag die kleine, von wenigen Fischern bewohnte Insel. Sie ist sehr karg und außer Kakteen, Muscheln, Sand und Salzseen gibt es noch Reste einer alten Siedlung, die man besichtigen kann. Wir interessieren uns aber eher für die Menschen, die hier und heute leben und arbeiten.

Stolz zeigen uns ein Fischer und sein Neffe die Fische, die sie vor ihrer Hütte zum Trocknen liegen haben. Ein anderer freut sich, dass wir ihn beim Abdichten seines Holzbootes fotografieren.

José, ein kleiner Junge, der das ganze Jahr über mit Eltern und zwei Brüdern auf Cubagua lebt, schenkt mir eine schöne Muschel. Wir kommen mit Iris seiner Mutter ins Gespräch. Sie erzählt uns, dass ihr Mann Muscheltaucher und ziemlich krank ist und das die Oma unter Zahnschmerzen leidet. Die Zigarre rauchende Oma zeigt uns lächelnd ihr Gebiss oder das was davon noch übrig ist und bittet uns um Schmerztabletten. Wir bezweifeln zwar, dass hier noch irgendein Medikament helfen kann, versprechen aber am nächsten Tag noch mal vorbei zu kommen.

Inzwischen braut sich am Himmel ein Unwetter zusammen und wir beeilen uns an Bord der Genesis zurück zu kommen. Wir schaffen es gerade noch, bevor die Ausläufer von Hurrikan Felix, über uns hinwegfegen. Wie immer viel Wind, Regen und Welle. Wir geben reichlich Ankerkette, da wir viel Platz haben und liegen zwar ungemütlich aber sicher vor Anker.

Bevor wir am nächsten Morgen nach Chacachacare weitersegeln, besuchen wir José und Iris noch einmal. Im Gepäck, Schmerztabletten für die Oma, Tee und Kakao für Iris und Buntstifte und Papier für José. Iris bietet uns Kaffee und frisch gefangene Austern an und José ist begeistert von seinem Geschenk. Auch die Kinder aus der Nachbarschaft kommen vorbei und es tut uns leid, dass wir nicht mehr dabei haben. Auf die Frage ob die Kinder denn nicht in die Schule gehen, erhalte ich die Antwort: Meistens werden sie alle zusammen mit einem Fischerboot auf die Isla Coche gebracht und dort unterrichtet.

Wir verabschieden uns und versprechen, nach unserem Deutschlandaufenthalt noch mal wieder zu kommen und "regalos" - "Geschenke" mit zu bringen.

Das Meer hat sich inzwischen wieder beruhigt. Wir fahren unter Motor nach Chacachacare und warten dort vor Anker auf den Krantermin. Die Genesis wird an Land gehoben und neben eine kleine Hamburger Ketsch gestellt. Mit Helmut und Brigitte vom Katamaran Xenia und Dirk und Heike von der Carpe Diem verbringen wir ein paar sehr informative Stunden. Beide Crews sind seit mehreren Jahren in der Karibik und Venezuela unterwegs und sie bestätigen uns, dass wir mit der Marina del Caribe die richtige Wahl getroffen haben um. Wir bereiten unsere Abreise vor. Wir installieren eine Klimaanlage gegen die Feuchtigkeit und Packen alle empfindlichen Teile an Deck ein, damit sie nicht verdrecken. Wolfgang kümmert sich noch um den Motor und findet nach 12 Monaten endlich das kleine Leck im Kühlwasserkreislauf. Eine Riesenaktion wird das Konservieren des Wassermachers. Wir haben vollkommen vergessen, dass wir dazu den Motor laufen lassen müssen und dass das hier auf dem Trockenen nur mit sehr viel Aufwand zu machen ist. Aber mein Alleskönner löst auch dieses Problem. Innerhalb von sechzig Sekunden pumpt die Hochdruckpumpe die Konservierungsflüssigkeit in den Kreislauf des Wassermachers und die Motorkühlung saugt durch einen großen Schlauch 60 Liter Wasser aus bereitgestellten Wasserbehältern. Das wäre auch geschafft.

Jetzt ist alles bereit. Wir sitzen auf gepackten Koffern und warten auf das viel zu kleine Taxi. Wir müssen sehr früh zum Flughafen, da die Flüge zurzeit überbucht sind. Helmut und Brigitte fliegen mit demselben Flugzeug und wir verkürzen uns die lange Wartezeit damit, Bilder vom Hurrikan DEAN anzuschauen, den sie und ihre Xenia auf Martinique erlebt haben. Wir sind sehr beeindruckt und vor allem froh, dass wir das nicht life erleben mussten. Die Xenia und ihre Crew hat alles auch unbeschadet überstanden, da Helmut ein sehr erfahrener Segler ist und sich frühzeitig in der sicheren Bucht Cul-de-Sac du Marin vertäut hat, nach dem klar war, dass sie ihre Motorersatzteile nicht mehr rechtzeitig bekommen werden.

Wir hoffen alle vier, dass hier auf Venezuela die Herbststürme nicht so heftig werden so dass unsere beiden Schiffe den Landaufenthalt sicher und unbeschadet überstehen werden. Um 22:45 Ortszeit startet die Maschine und es bleibt uns nur noch eins zu tun:

Freuen auf ein Wiedersehen mit Familie und Freunden !

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