17 atlantiküberquerung 13.12.06-04.01.07 |
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| Es ist soweit wir sind bereit für den großen Schlag. Das Kribbeln im
Bauch ist kaum auszuhalten. Zu Beginn der Reise steht mal wieder ein Abschied. Wie heißt
es so treffend in dem Musical "Der kleine Tag: "Abschied heißt was Neues kommt...
" Wir müssen uns von Sylvia und Jeron, dem holländischen Pärchen, das wir in Gibraltar kennen gelernt haben, verabschieden, die wir hier wieder getroffen haben. Wir haben Wetter- und Funksoftware ausgetauscht und bei einer Flasche Rotwein unsere Zukunftspläne und die bisherigen Erfahrungen bequasselt. Sie wollen auch in die Karibik und wir hoffen alle 4, dass wir uns immer wieder über den Weg segeln. Der Abschied wird herzlich und sie wünschen uns viel Glück für die große Reise. Sylvia ist mit uns schon ganz nervös, obwohl sie erst Ende Dezember los wollen. Benno und Annemarie von der Aries sind heute Nachmittag auch noch im Hafen von San Sebastian eingelaufen. Bei einem Bier erzählen sie uns von ihrer Sturmnacht in Santa Cruz und wie sie ihren Anker verloren haben. Auch sie haben das gleiche Reiseziel und freuen sich auf ein evtl. Wiedersehen mit uns. Als es um 18 Uhr "leinen los" heißt, stehen sie einschließlich unserer Stegnachbarn, am Steg und winken uns lange nach. Die GENESIS nimmt Kurs Süd-West auf die kapverdischen Inseln. Gomera verabschiedet uns mit einem herrlichen Sonnenuntergang. Die Anspannung fällt langsam von uns ab und wir machen uns sichtlich gerührt auf den Weg. Was wird uns in den nächsten 3 Wochen erwarten?? Zunächst erwartet uns völlig überraschend Süd-Ost-Wind, der uns entgegenweht. Das bedeutet, Welle gegen an, langsame und unruhige Fahrt. Na, ja, dass kann ja nur ein Ausrutscher sein, denn eigentlich... Leider bleiben diese Bedingungen uns lange erhalten und es ist mühsam voran zu kommen. Heinz unser Schweizer Freund und Wetterrouter, der uns die gesamte Strecke bis in die Karibik mit Wetterdaten versorgen wird, verspricht uns stabilen Passatwind zwischen dem 20. und 18. Längengrad und ermutigt uns trotzt widriger Bedingungen tapfer Kurs zu halten. Wir rechnen mit ca. 4 - 5 Tagen bis zu den Kapverden, planen dort aber keinen Stopp ein. Wir wollen nonstop in die Karibik. Auch Heinz rät uns die günstigen Bedingungen für die Überquerung zu nutzen. Den Passat erwischen wir erst auf dem 19. Längengrad und um ganz sicher stabilen Wind zu kriegen setzen wir am 22.12.06 auf dem 18. längengrad Kurs 263° - Barbados. Die 9 Tage, bis dahin sind ziemlich anstrengend. Wir haben uns dazu entschieden, dass wir nachts unsere GENESIS nicht sich selbst und der Windsteueranlage überlassen werden, obwohl wir uns mit dem AIS - Empfänger vor großen Schiffen warnen lassen können. Es gibt einfach zu viel, was ohne Vorwarnung passieren kann. Die Seilsteuerung des Windpiloten reißt, der Spibaum fliegt uns um die Ohren, das Bord-GPS gibt seien Geist auf, Navigationslichter erlöschen, der Wassermacher zieht Luft und fällt aus und... und... und.. Also teilen wir von 21 - 9 Uhr UTC Nachtwachen im 2,5 bis 3,0 Stunden-Rhythmus ein und verbringen diese meist mit Lifebelt gesichert an Deck - sehr gewöhnungsbedürftig und Kräfte zehrend. Viele der technischen Ausfälle an Bord sind auf die extreme Belastung zurückzuführen, verstärkt durch die zerstörerische Kraft des Salzwassers, was Metall betrifft. Jeder Ausfall kommt überraschend und wirkt demoralisierend oder ängstigt. Was geht wann als nächstes kaputt? Bekommen wir das nächste Problem auch gut in den Griff? Wir haben Glück und können alles Wichtige mit Bordmitteln reparieren. Wolfgangs umfangreiche Werkzeugkiste, seine Kraut- und Rübensammlung in Metall, Plastik und Holz und seine handwerkliche Ausbildung ist dabei sehr hilfreich, egal ob es darum geht ein technisches Gerät zu reparieren oder am Autopiloten eine Taste so abzukleben dass sie nicht mehr aus versehen gedrückt werden kann. Sogar die riesige Installationszange kommt zum Einsatz. Ohne sie hätten wir den Spibaum nicht reparieren können. Durch die hohe kappelige See sehr stark beeinträchtigt, wird der Bordalltag mühsam. Die Schiffsbewegungen sind so heftig, dass es unmöglich ist von A nach B zu kommen ohne blaue flecken davon zu tragen, wenn man sich nicht mit beiden Händen festhalten kann. In den ersten Tagen haben wir uns noch aufwändig zubereitetes essen gegönnt. Gulasch mit Nudeln oder leckere Gemüsesuppe. Aber nach und nach gehen wir zu einfacheren dingen über um erstens die Verletzungsgefahr der Köchin durch überschwappende heiße Speisen zu vermeiden und zweitens die Unterdeckzeiten für kochen und spülen so gering als möglich zu halten. Als unser Wassermacher ausfällt, wird nur noch das notwendigste an Putz- und Spülarbeiten erledigt und ausgiebige Duschen werden auch gestrichen. Das alles zerrt an den Nerven und das Stimmungsbarometer wäre gleich null, gäbe es da nicht auch die andere Seite. Inzwischen ist klar, dass wir nicht nur Weihnachten, sondern auch Silvester an Bord der genesis auf dem Atlantik verbringen werden. die Weihnachtsplätzchen, die ich in Gomera gebacken habe stehen bereit und der kleine pinkfarbene Plastikweihnachtsbaum wird an der Sprayhood gut sichtbar aufgehängt. Leider wird das Wetter schlechter. Wir werden des Nachts öfter von so genannten Squall's überfallen, das sind örtliche Wetterstörungen, die oft völlig überraschend kommen und Regen und viel Wind und danach sehr hohe Wellen mit sich bringen. Von einer Sekunde auf die andere ein Pfeifen in der Luft, ein aufheulen des Windgenerators und dann geht's ab. Da kommt es immer wieder darauf an schnell zu reffen. Nach 10 Minuten ist dann alles vorbei. Wir haben das Risiko dadurch minimiert, dass wir Nachts schon mit recht kleiner Besegelung fahren, damit der, der Freiwache hat auch Schlafen kann und nicht ständig wegen anstehender Segelmanöver geweckt werden muss. Auch Tagsüber gibt's immer mal wieder Regen. Zum glück ist es schon recht warm, so dass nass werden nicht gleichbedeutend mit frieren ist. Einmal nutzen wir den starken Platschregen abends sogar zum duschen. Unser Weihnachtsmenü fällt dieses Jahr recht spartanisch aus. Es gibt Pumpernickel mit Dosenwurst und Essiggurken. Wehmütig denken wir an Jochen, Bärbel, Axel und Kerstin, die zu hause im Schwarzwälder unsere Tradition des gemeinsamen Kochens am 24. Dezember fortsetzen. Wir haben zu der üblichen Nord-Ost-Dünung eine Süd-Ost-Welle und unsere jetzt doch flotte Fahrt, hat über weite strecken Ähnlichkeit mit einer Achterbahnfahrt. Alles was nicht niet und nagelfest ist, fliegt durch die Gegend. Es ist mühsam die Zahnpasta auf die Zahnbürste zu bringen, sich an- oder aus zu ziehen, Kaffee einzuschenken, Suppe zu löffeln oder zu kochen. Alles wird zur akrobatischen Höchstleistung und es macht mürbe. Stunde um Stunde, Tag für Tag, Woche für Woche immer die gleiche Anstrengung für so einfache, alltägliche Tätigkeiten. Am 28.12.06 unterschreiten wir die "1000 Sm bis zum Ziel Grenze". Das bedeutet 1000 sm vor uns und ca. 1200 sm (bis zu den kapverdischen Inseln) hinter uns. Eine winzige, nicht ganz 15 m kurze Yacht aus Plastik, eine menge Technik und zwei Menschen in mitten des riesigen Atlantischen Ozeans, Wind und meterhohen Wellen ausgesetzt, ohne Chancen auf Hilfe, wenn etwas passieren sollte. WOW - dass kann richtig Angst machen. Einsame Nachtwachen bieten dafür viel Zeit und Raum. Jeder von uns hat sicher seine eigene Methode mehr oder weniger gut mit dieser Situationen um zu gehen. Viel reden miteinander, über unsere Ängste, über das Heimweh, über den Frust wegen der Querwelle und all den anderen großen oder kleinen Sorgen hilft auf jeden Fall. Es hilft auch, jeden Abend um 20 Uhr UTC die Stimme von Heinz zuhören. Irgendwie scheint er zu fühlen, dass es uns gut tut in unserer Zweisamkeit Kontakt zur Außenwelt zu haben. Also gibt er uns telefonisch fast jeden Tag den Wetterbericht durch, obwohl er das mit einer kostenlosen SMS auf das Satellitentelefon auch erledigen könnte und hört uns zu was wir zu erzählen haben. Schön, so einen Freund zu haben!! Das Jahr neigt sich dem Ende zu und wir nähern uns täglich unserem Ziel um ca. 130 - 150 sm. Die Sylvesternacht verbringen wir mit einer Sonderwache, die wir zwischen 23 Uhr und 0.30 Uhr UTC gemeinsam abhalten. Wir haben Sternenfunkelhimmel statt Feuerwerk und nachdem die erste Füllung unserer Sektgläser im Cockpit landet, trinken wir die zweite Füllung auf ein erfolgreiches und spannendes 2007 und feiern gleichzeitig die Tatsache, dass uns nur noch 500 Seemeilen (ca. 4 -5 Tage = 10 - 15 Nachtwachen) von Barbados trennen. Es wird Zeit, dass die Reise endet. Wir sind kaputt. Endlich ankommen, endlich ausschlafen können, endlich das permanente angespannt sein loswerden. Endlich mal nicht mehr alles festhalten müssen, endlich richtig ausgiebig duschen, endlich... Wir werden mit jedem Tag, ungeduldiger. Wann werden wir Land sehen? Wie wird es sein, das ANKOMMEN? Am 4. Januar 2007 um 9.50 Uhr UTC ist es soweit. Ich sehe am Horizont schwach die lichter von Barbados. Wolfgang wird geweckt und wir stimmen das in solchen fällen übliche Freudengeheul an: "Land in sicht"! "Barbados voraus"! "Karibik wir kommen"! Es dauert noch ca. 6 Stunden, bis wir endlich vor Anker in der Carlisle Bay vor Bridgetown, der Hauptstadt von Barbados liegen. Das erste Ankermanöver ist miserabel. Es hat 25 Knoten Wind. Der Haken hält einfach nicht. Die Kette vertörnt sich im Ankerkasten und Wolfgang muss sie von Hand herausziehen. Alles ist rostig, er ist völlig fertig und sieht aus wie ein Ferkel. Egal der zweite Versuch klappt, jetzt können wir die Party starten. GESCHAFFT - im doppelten Sinne des Wortes. Die Party und das Einklarieren verschieben wir auf Morgen (Wird schon keiner merken). Wir sitzen in unserem Cockpit und schauen uns ungläubig um. Wir sind angekommen! Wir können es noch gar nicht glauben. Kurz vor Sonnenuntergang kriegen wir noch Besuch von der Wasserschutzpolizei. Es gibt aber keinen Stress. Wir erklären, dass wir gerade eben angekommen sind, nicht mehr an Land gehen werden und gleich Morgen die Einklarierungsformalitäten erledigen werden. Das genügt ihnen. Sie heißen uns willkommen auf Barbados und verziehen sich wieder. Jetzt eine Kleinigkeit essen und dann nur noch Schlafen. Wir gönnen uns den Rest des Sektes aus der Sylvesternacht und machen eine dose Gulasch auf, die wir in Spanien gekauft haben. Das Gulasch schmeckt scheußlich, dieser Abend hätte eigentlich etwas Besseres verdient. Aber egal, zwei total müden Atlantikbezwingern kann so ein scheußliches Gulasch nicht wirklich etwas anhaben. Am nächsten Vormittag lassen wir das Dinghy ins Wasser, holen einen jungen Holländer vom Nachbarschiff ab, der an Land will und fahren in den Stadthafen. So erfahren wir gleich, wo man am besten fest macht, wo es gutes Trinkwasser gibt und wie man zur Einwanderungsbehörde kommt. Als wir endlich nach 23 Tagen wieder festen Boden unter den Füßen haben, schwanken wir so sehr, dass wir uns am Geländer festhalten müssen, um nicht in das Hafenbecken zu fallen. die Crew unseres Mitfahrers sieht uns dabei zu und lacht wissend. Sie sind vor 3 Tagen nach 26 Tagen Fahrt hier angekommen und wissen, wie sich das anfühlt. sie versichern uns, dass es schnell besser wird, aber noch Tage braucht, bis es ganz verschwindet. Bridgetown ist die Hauptstadt von Barbados. Es ist Freitag gegen Mittag und in der Stadt ist die Hölle los. Es ist warm, Menschen, Autos, Busse, Motorräder, alles wimmelt durch die Straßen. Reklameschilder überall, jeder will uns mit dem Taxi zum Hafen fahren - man sieht uns den Yachty, der die Einklarierungsbehörde sucht wohl von weitem an. Wir flüchten zuerst mal in eine dunkle, klimatisierte Bank und plündern den Geldautomaten. Wir brauchen Barbados Dollar (1 BdD = 0,40 Euro). dann weiter zu Fuß zum Hafen. Das Schwanken, die Hitze, der Lärm - nach nur 2 km sind wir völlig kaputt - ein echter KULTURSCHOCK, nach so viel Ruhe und Zweisamkeit. Nach ca. 2 Stunden haben wir die Formalitäten erledigt. Wir haben 5 Crewlisten, 4 Zollformulare und 2 Formulare für die Gesundheitsbehörde ausgefüllt, dabei haben wir einen engagierten, einen gleichgültigen und einen schlafenden Offiziellen angetroffen. Wir haben 50 BdD bezahlt und die Einreisestempel in unsere Ausweise erhalten. Außerdem die Information, dass wir beim Ausklarieren das ganze in umgekehrter Reihenfolge wieder durchlaufen müssen. Wir sitzen in einem Cafe direkt am Stadthafen, ein kaltes Getränk vor uns und schauen uns ungläubig an. Das sind wir. Wir sind mit unserer GENESIS von Elba über die Balearen, Gibraltar, Marokko, die Kanarischen Inseln in die karibik gesegelt! Egal wie viele vor uns schon über den Atlantik sind. Unsere eigene, erste, unvergleichliche Ozeanüberquerung, zu zweit, im eigenen kleinen Schiff!! Das bleibt und das Gefühl zu zweit was ganz besonderes geleistet zu haben, einander gebraucht zu haben, auf einander aufgepasst zu haben, für einander da gewesen zu sein. JETZT KANN DAS ABENTEUER KARIBIK BEGINNEN!! |
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